62 Prozent automatisierbar: Was die neuen IAB Zahlen für die Steuerberatung wirklich bedeuten
Aug 05, 2026
Eine Zahl sorgt derzeit in der Branche für Gesprächsstoff: 62 Prozent der Tätigkeiten, die zum Berufsbild von Steuerberaterinnen und Steuerberatern gehören, ließen sich technisch bereits durch Künstliche Intelligenz erledigen. Berechnet hat das ein Forschungsteam des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Klingt nach einem Alarmsignal. Bei genauerem Hinsehen ist es vor allem eines: eine sehr präzise Aussage über Technik und eine sehr ungenaue über die Zukunft.
Was der Job-Futuromat misst und was nicht
Hinter der Zahl steht das sogenannte Substituierbarkeitspotenzial. Das IAB untersucht dafür rund 4.000 Berufe des deutschen Arbeitsmarktes und prüft, welche Einzeltätigkeiten eine Maschine, ein Computer oder eine KI grundsätzlich übernehmen könnte. Datengrundlage ist das Berufenet der Bundesagentur für Arbeit mit rund 9.000 erfassten Tätigkeiten. Aktualisiert wird das Ganze im Dreijahresrhythmus, der zuletzt veröffentlichte Stand bildet die Technik des Jahres 2022 ab.
Wichtig ist die Abgrenzung, auf die die Forschung selbst ausdrücklich Wert legt: Das Ergebnis ist keine Prognose. Gemessen wird ausschließlich die technische Machbarkeit. Nicht berücksichtigt sind Fragen der Wirtschaftlichkeit, rechtliche Hürden, ethische Bedenken und die Präferenzen der Mandantschaft. Ob ein technisch mögliches Potenzial in der Praxis tatsächlich ausgeschöpft wird, entscheidet sich also an ganz anderen Stellen.
Trotzdem lässt sich aus den Daten etwas ableiten. Erstens verlieren automatisierbare Tätigkeiten innerhalb eines Berufs tendenziell an Bedeutung. Zweitens zeigt die Auswertung, welche Technologien künftig eine Rolle spielen werden. Beides sind brauchbare Hinweise darauf, wo Kanzleien ihre Entwicklung ansetzen sollten.
Warum sich der Wert bei Steuerfachangestellten halbiert hat
Ein Beispiel aus derselben Datenreihe macht deutlich, wie stark solche Werte in Bewegung sind. Für Steuerfachangestellte lag das Substituierbarkeitspotenzial noch vor kurzem bei 100 Prozent. Inzwischen sind es 50 Prozent.
Der Grund liegt nicht in einer plötzlichen Kehrtwende der Technik, sondern in einer Änderung der Ausbildungsordnung im Jahr 2023. Neu aufgenommen wurden Aufgaben wie Mandantenbetreuung und bestimmte Beratungsleistungen, also genau jene Bereiche, in denen KI nach heutigem Stand nicht mitspielt. Gleichzeitig sind gut automatisierbare Tätigkeiten wie klassische Sachbearbeitung und Schriftgutverwaltung entfallen.
Daraus ergibt sich die vielleicht wichtigste Erkenntnis der ganzen Diskussion: Berufsbilder sind keine festen Größen. Sie verändern sich fortlaufend, und zwar schneller als früher. Einmal erworbenes Wissen trägt eine Berufslaufbahn nicht mehr von Anfang bis Ende.
Kein massiver Stellenabbau in Sicht
Erwartbar wäre, dass Berufe mit hohem Substituierbarkeitspotenzial bereits jetzt Beschäftigung verlieren. Genau das zeigen die Daten nicht. Zu beobachten ist ein etwas schwächeres Beschäftigungswachstum in stark betroffenen Berufen, mehr nicht.
Projektionen des IAB gehen davon aus, dass sich Beschäftigungsabbau und Beschäftigungsaufbau durch KI in einem Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren weitgehend ausgleichen werden. Was sich verändert, sind die Strukturen: Eine Erstausbildung allein wird nicht mehr genügen, Wissen veraltet schneller und muss häufiger aktualisiert werden.
Auch die verbreitete Sorge, KI verdränge gezielt Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, lässt sich empirisch bislang nicht belegen. Die Forschung sieht für Deutschland dafür keinen kausalen Nachweis. Die zurückhaltende Einstellungspraxis dürfte eher mit der allgemeinen Wirtschaftslage und mit Auftragsrückgängen zusammenhängen. Für die Begründung, man stelle wegen KI weniger ein, hat die Wissenschaft einen treffenden Begriff geprägt: KI Washing.
Was das für Kanzleien und Mandanten heißt
Für uns als Kanzlei ist die Botschaft weder beunruhigend noch beruhigend, sondern schlicht eine Arbeitsanweisung. Wenn ein erheblicher Teil der standardisierbaren Arbeit technisch übernehmbar ist, verschiebt sich der Wert unserer Arbeit dorthin, wo Software an Grenzen stößt:
- Echte Beratung statt Abarbeitung. Die Einordnung eines Sachverhalts in die individuelle Situation eines Mandanten bleibt eine menschliche Leistung.
- Erfahrungswissen. Die Frage, welche Gestaltung in der Praxis trägt und welche in der Betriebsprüfung Probleme macht, beantwortet kein Modell zuverlässig.
- Strategische Entscheidungen begleiten. Unternehmerische Weichenstellungen brauchen ein Gegenüber, das Verantwortung mitträgt.
- Kontinuierliche Weiterbildung. Lebenslanges Lernen ist keine Floskel mehr, sondern Voraussetzung für Beratungsqualität.
Für unsere Mandantinnen und Mandanten bedeutet das konkret: Routineprozesse werden schneller, digitaler und fehlerärmer. Die frei werdende Zeit fließt genau dorthin, wo Sie tatsächlich Nutzen davon haben, nämlich in Gespräche, Gestaltung und Planung.
Fazit
Die 62 Prozent sind keine Abrissbirne für einen Berufsstand, sondern eine Beschreibung dessen, was Technik heute kann. Der Beruf verschwindet nicht, er verändert sich. Wer bereit ist, Neues auszuprobieren und flexibel zu bleiben, wird von dieser Entwicklung profitieren. Diese Haltung nehmen wir in unserer Kanzlei sehr bewusst ein.
Quelle: Interview mit Dr. Katharina Grienberger (Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, IAB Nürnberg), erschienen am 6. August 2026 bei Haufe Online: „Was der Job-Futuromat über die Zukunft der Steuerberatung sagt". Die genannten Daten stammen aus dem Job-Futuromat des IAB.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle steuerliche Beratung im Einzelfall.